Abfallbären

Autor: Hans Peter Sigrist
Copyright bei SF DRS, MTW 1997
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Bild Baer im Abfall
Nächtliche Pirsch in einer Plattenbau-Siedlung in Brasov, einer rumänischen Grossstadt am Fusse der Karpaten. Wie in Zürich mit den Stadtfüchsen gibt es auch hier Wildlife.
Und auchhier lockt der Abfall der Menschen die Wildtiere aus ihren Verstecken. Der kleine Unterschied zu Zürich: Es sind nicht die Füchse, die des nachts durch die Wohnquartiere streifen.
Dies sind keineswegs nur vereinzelte Exemplare des europäischen Braunbärs, die hier ihren Hunger stillen. Sobald es Nacht wird in Brasov, fällt Meister Petz gleich dutzendweise in die Stadt ein.
Scheu vor dem Alltagsleben auf der Strasse kennen diese Bären keine. Einzig die wütende Hundemeute vertreibt sie jeweils wieder in die angrenzenden Wälder.
Wo sich nachts der Bär verpflegt, spielen tagsüber die Kinder des Quartiers.
Der Stadtteil mit den Bärenfressplätzen ist weitgehend umgeben von Wäldern. Denn gleich hinter der Stadt erstrecken sich die Karpaten, 600 Kilometer weit, nur schwach besiedelt.
Ausser ein wenig Landwirtschaft gibt es hier nicht viel mehr als Natur pur. Nirgendwo in Europa existiert eine weitgehend naturbelassene Berglandschaft von solchen Ausmassen.
Wanderwegmarkierung ist hier selten, viel eher trifft man auf die Spuren des Bärs. Hier kam Meister Petz vorbei und hinterliess seine Visitenkarte.
Die Ueberreste einer Beute.
Der Bärenbestand in den Karpaten war jahrelang zu hoch. Noch vor zehn Jahren lebten hier rund 8000 Braunbären.
Grund war der Grössenwahn von Staatschef Ceausescu. Er war der einzige Rumäne mit Lizenz zum Bärentöten und liess dazu massenweise Bären in Gefangenschaft aufziehen und halb zahm aussetzen.
1989 war Schluss mit dem präsidialen Halali. Der Bärenjäger wurde selber zum Gejagten. Der finale Rettungsschuss tat auch dem biologischen Gleichgewicht in den Karpaten gut.
Denn nach dem Ende des Jagdmonopols des Diktators wurde der Braunbär wieder intensiver bejagt. Der Bestand nahm ab. Heute streifen noch rund 5500 Exemplare durch die Wildbahn. Doch die natürliche Scheu vor dem Menschen fehlt nach wie vor bei einem Teil der Tiere.
Forscher der Wildbiologischen Gesellschaft München wollen mehr über das Verhalten der Braunbären erfahren.
Der Wildbiologe Christoph Promberger verfolgt bereits seit vier Jahren die Fährten von Wolf und Bär in den Karpaten. Und findet die Anwesenheit von Bären in der unmittelbaren Nachbarschaft des Menschen problematisch.
Die Forscher wollen die Problematik entschärfen. Doch nicht mit Waffengewalt.